"Sie hören von uns!" - ein Nachtrag zum Jahrestreffen in Göttingen

Dresden, Hamburg, Mannheim, Karlsruhe, nun auch Göttingen ... land auf land ab stehen die Bürgerbühnen hoch im Rennen. Und die Bürger sind begeistert, machen mit und sprechen vom großen Nutzen fürs eigene Leben. Die Zuschauer sind noch eher zurückhaltend, doch auch das ändert sich schnell, denn was auf der Bühne erarbeitet wird, ist überraschend gut oder wird immer besser.

In Mannheim entwickelt sich "Soulcity" (gespielt auf der Studio-Bühne) zum Dauerrenner, doch die wirkliche Entdeckung ist im Mannheimer Kinder- und Jugentheater Schnawwl "Nichts, was im Leben wichtig ist" nach dem Roman von Janne Teller - gespielt von acht Jugendlichen im Alter von 14 - 17 Jahren!

Zum Jahrestreffen von Theaterfreunden gehört mindestens ein Theaterbesuch - so auch in Göttingen. Im Deutschen Theater stand die Uraufführung der Göttinger Bürgerbühne "Sie hören von uns!" auf dem Spielplan - für fast alle MUTHEA Freunde war dies Neuland. Das von weit her angereiste kritische Theatervolk war überrascht von der Qualität der Aufführung, von der Begeisterungsfähigkeit auf der Bühne und im Publikum (zur UA ein großer Fan-Kreis). Anschliessend gab es lebhafte Diskussionen zum Thema Bürgerbühne. Man war sich einig: Theater braucht auch Bürgerbühne, eine Möglichkeit, neues Publikum für's Theater zu erschliessen und zu begeistern.

Göttinger Tageblatt vom 19.03.2013, Friedrich Schmidt

Bürgerbühnen-Uraufführung: „Sie hören von uns!" am Deutschen Theater Göttingen, Premiere 16.03.2013

„Theaterlaien treten nicht als Laien auf, sondern als Darsteller ihrer selbst und bringen im Spiel ihren Alltag als Alltagsspezialisten auf die Bühne.

Ähnliches geschah bei der Uraufführung von „Sie hören von uns!" im Deutschen Theater. Mit viel Mensch und viel Herz inszenierten der Regisseur Martin Thamm und Dramaturgin Nicola Bongard das Stück der sogenannten Bürgerbühne.

Ein wirklich bunt gemischter Haufen von 20 Göttinger Bürgern bietet an diesem Abend unterhaltsames Spiel mit ein paar Längen, die aber nicht stören. Hierbei bewerben sich die Göttinger in einem Vorstellungsgespräch um eine Rolle in einem Projekt am Deutschen Theater. Realität trifft auf Spiel. Die Grenzen verwischen.

Treten die Darsteller zunächst in Kostümen auf, stellen sie sich im nächsten Moment, nach Aufruf durch die Regieassistentin Anja Wenzel, persönlich vor. Brigitta Queißer-Westermann beispielsweise, läuft erst als Clown über die Bühne. Später hat die 73-Jährige sich abgeschminkt und sagt: „Ich bin nach Göttingen gezogen, um vier Jahre in einer Alten-WG wohnen zu können – dann hab ich es mir aber anders überlegt."

Später berichtet sie von ihren Erlebnissen mit Alzheimerpatienten, die sie im Alltag begleitet. Realität, die das Publikum zu berühren scheint. Yannick Gerry Eller trägt ein Superman T-Shirt. „Natürlich kann ich fliegen", sagt er und schwebt kurz darauf tatsächlich über die Bühne. Alle Schauspieler bringen eigene Erlebnisse und Wünsche mit, die ihren Platz im Stück finden.

Die Einzelgeschichten wechseln mit Gruppenaktionen. Reinhild Große Darrelmann würde gern Dirigentin sein. Auf der Bühne kann sie das. Sie dirigiert das Ensemble bei einer dynamischen Gruppenaktion. Die Darsteller achten auf ihre Mitspieler und agieren gut zusammen. Die erste Bürgerbühne überzeugt."

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