„Anwalt des Abends“ und „Anwältin der Sprache“

gieen„Wir wollen und können nicht versprechen, dass es immer gut wird“, aber sind mitwirkend bestrebt, unterhaltsames, diskussionsfähiges, „Weltgeschehen“ aufgreifendes und demokratieförderndes Theater dem Publikum anzubieten. 

So kann man das Gespräch des Theatervereins mit dem Chefdramaturgen Harald Wolff und der Schauspieldramaturgin Carola Schiefke über ihren Werdegang, Arbeits-weise und Ziele zusammenfassen, das vom stellvertretenden Vorsitzenden Joachim Brauner geleitet wurde. Beide, die seit dieser Saison beim Stadttheater fest engagiert sind, stellten kurz ihre Lebensläufe dar, wobei bereits individuelle Schwerpunkte und Gemeinsamkeiten ihrer jetzigen Tätigkeit erkennbar waren: H. Wolff, 47 Jahre, geboren in Kiel, faszinierte als Schüler-Ersterlebnis die Bühnenwirksamkeit einer „Macbeth“-Aufführung und weckte sein Interesse für konkretes Bühnengeschehen, weshalb er sich nun „als Anwalt des Abends“ versteht. Studium (Göttingen) in Germanistik und Philosophie und etwa neun Stationen in verschiedenen dramaturgischen Funktionen, letztlich 2011-16 in Aachen, folgten. Als Vorsitzender der „Dramaturgischen Gesellschaft“ wurde er jüngst mit dem renommierten FAUST-Preis ausgezeichnet. Besonderen Einfluss hat(te) Thomas Krupa in Darmstadt, der in Gießen demnächst das Stück „Orlando“ inszenieren wird.

Bei der in Frankfurt/M geborenen C. Schiefke (46 Jahre) war der Weg zum Theater nicht so schnell gegeben, da sie zunächst ev. Theologie und Judaistik studierte. Über verschiedene Praktika, Assistenzen und Beschäftigungen im Kultur- und Verlagsbereich mit einigen Ortswechseln kam sie zum Literatur- und Sprachenstudium (Berlin), um dann diverse Theatertätigkeiten auszufüllen und zuletzt als Dramaturgin in Salzburg zu arbeiten. Den Verzicht auf eine akademische Karriere bereut sie nicht, weil sie „Interesse an Menschen“ auf und vor der Bühne habe und bei der Bearbeitung von Schauspielen Sprache und Form nachvollziehbar zusammenbringen möchte, weshalb sie sich „als Anwältin des Textes“ begreift.

Konnten die Anwesenden hier den Eindruck haben, dass zwischen beiden ein Dissens besteht, machten sie im Verlauf deutlich, dass trotz unterschiedlicher Zugangsweisen die Aspekte Sprache/Text und Regie/Aktivitäten des Ensembles und Ausstattung zwangläufig zusammen-gehören. Unterschiede in der Zugangsweise seien kein Nachteil, denn es fördert und fordert die Zusammenarbeit, auch dann, wenn die Regie die Letztentscheidung hat. Neben den umfangreichen und unerlässlichen Kommunikationen mit den Menschen in allen Abteilungen gibt es viel verwaltende und planerische Schreibtischarbeit zum aktuellen und zukünftigen Spielplan: Gestaltung der Pro-grammhefte, Materialsuche für Regie und Ensemble zum Autor und zur Dramenbearbeitung, aber auch die Abendspielleitung. Abwechslungsreich sei die Arbeit und verlange spontanes Verhalten, was wesentlich durch die künstlerische Offenheit aller Mitwirkenden, besonders die Qualitäten im Ensemble, und durch die Intendantin unterstützt werde.

Wolff und Schiefke stellten als Wesensmerkmal noch heraus, dass Gießen ein aufgeschlossenes „Bürgertheater“ mit Verankerung in der Stadt und Region habe und ein „Theater der Freiheit“ und „Ort der Ressourcen und Möglichkeiten“ sei, weshalb sie sich hier – nicht nur beruflich - gut einleben konnten.
Zwei Anmerkungen gab es noch aus dem Publikum: Man möge doch mehr darauf achten, dass die Textverständlichkeit besser werde, manchmal sei es zu leise oder recht undeutlich. Ferner wurde angeregt, im Schauspiel-Programmheft Kurzbiographien wie bei Musiksparten aufzunehmen.

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